A Tale of Two Markets - Steigende Aktien bei abflachendem globalen Wirtschaftswachstum?

26.04.2019

 A Tale of Two Markets (919 Wörter)

  von Thorsten Wegener

  „It was the best of times, it was the worst of times, it was the age of wisdom, it was the age of foolishness….”

Der geneigte Leser möge mir verzeihen, dass ich Dickens unsterbliche Zeilen nicht in ihrer deutschen Übersetzung wiedergebe. Es geht immer ein kleines bisschen dessen verloren, was dem Original seinen unvergleichlichen Charme verleiht. Warum dann eine Kolumne über Märkte mit einem Dickens Zitat beginnen? Wahrscheinlich versuchte mir mein Unterbewusstsein am letzten Wochenende beim Stöbern in meiner Bibliothek etwas mitzuteilen, das sich momentan meinem Verständnis entzieht und mich wie so viele Marktteilnehmer mit einer fast philosophisch anmutenden Frage konfrontiert. What the fuck is going on?

Die jüngeren Leser unter Ihnen werden sich vielleicht nicht erinnern, aber es gab und gibt tatsächlich Wirtschaftszyklen und diese hatten zumindest in der Vergangenheit auch Einfluss auf das Marktgeschehen. Kühlte sich die globale Wirtschaft ab, antizipierten die weltweiten Bond und Aktienmärkte dies und signalisierten dies über die Kapitalmärkte normalerweise im Voraus. War das Schlimmste überstanden waren meist gewiefte Aktienhändler die ersten die diesen Umstand durch ihr Markt und Kaufverhalten signalisierten und für steigende Kurs sorgten.

Allerdings war diese eine Zeit, in der (wieder für meine jüngeren Leser) es einen funktionierenden Mechanismus für den Preis des Geldes gab. Zinsen. Wenn wir davon ausgehen, dass es durchaus Sinn macht für die Überlassung von freien Ressourcen, sprich Kapital, ein Entgelt zu verlangen - die Rückzahlung unterliegt immer einem Risiko- finden wir uns nun in einer Situation wieder, die Markt Dinosauriern wie mir einiges an lateralem Denken abverlangt.  Auf der einen Seite scheinen die makroökonomischen Daten darauf hinzudeuten, dass sich, vorsichtig ausgedrückt, das globale Wirtschaftswachstum verlangsamt und dies wiederum Investoren dazu veranlassen sollte, höhere Risikoprämien für die Bereitstellung von Kapital zu verlangen. Wenn höhere Risikoprämien verlangt werden, steigt normalerweise die Unsicherheit über die zukünftige Entwicklung der Unternehmenserträge und damit die Unsicherheit der Marktteilnehmer an. Ein anderes Wort für Unsicherheit ist Volatilität, und hier haben wir den Salat.

Der VIX, als Maßstab für die Erwartung der Markteilnehmer über die zukünftige Schwankungsbreite des S&P 500, der am stärksten kapitalisierten Unternehmen des größten (kapitalistischen) Marktes der Welt scheint nur eine Richtung zu kennen. Auf jeden noch so leichten Anstieg folgt unweigerlich ein neuer Abverkauf. Die intraday Schwankungsbreite der größten amerikanischen börsennotierten Werte befindet sich auf historischen Tiefstwerten und der S&P 500 nimmt einen nächsten Anlauf auf  neue Höchststände. Wie immer werden die Erklärungen nach dem Ereignis geliefert. Zurzeit scheint die herrschende Meinung die Erklärung für diesen Zustand im Gottvertrauen auf die Allmacht der Zentralbanken zu finden. Dieses Vertrauen bedarf natürlich einer recht wackeligen Hilfskonstruktion, die in Gestalte der sogenannten „Modern Monetary Theory“ herhalten muss. Kurz gesagt MMT geht davon aus, dass keinerlei Gefahr für die Weltökonomie und damit implizit die Wertpapiermärkte besteht solange wir durch Gelddrucken die Realwirtschaft stimulieren können. Die einzige Nebenbedingung in diesem Spiel mit dem Feuer: Die Wachstumsraten der Realwirtschaft sollten über der Inflationsrate liegen. Was passiert, wenn dem plötzlich nicht mehr so ist, bleibt unbeantwortet.

Natürlich ist es möglich, dass diesmal wirklich alles anders ist und meine durchschnittlich großes Händler Hirn nicht in der Lage ist, die neue Realität zu begreifen. Wenn dem so ist, und die Chancen hierfür sind relativ hoch, muss ich mich auf die zwei Axiome zurückziehen, die mir in über 20 Jahren Erfahrung an den Märkten stets treue Dienste geleistet haben:

Das erste Axiom lautet: Risiken sind IMMER overpriced. Wer Rückversicherung, sprich Volatilität, verkauft tut dies immer gegen einen Aufpreis. Wäre dies nicht der Fall, gäbe es weder Banken, Versicherungen oder Märkte generell. Als Beweis für diese kühne „Theorie“ könnte ich Statistik über Statistik zitieren oder der Einfachheit halber darauf verweisen, was ich für den größten Teil meiner Karriere gemacht habe, Risiken teuer zu verkaufen oder wenn sich die Gelegenheit ergab billig einzukaufen, wobei hier die Relation 80:20 beträgt, was leider nichts anderes besagt als dass es fast unmöglich ist mit Long Vola Trades Geld zu verdienen, wenn man nicht auf der Geldseite einkaufen darf oder kann. Ein Privileg das ich als Market Maker natürlich genoss, um mich für das Risiko zu kompensieren immer handelbare Märkte für meine Kunden zu stellen.

Das zweite Axiom hilft dabei, keine dummen Fehler zu begehen. Die Einschätzung über zukünftige Unsicherheiten, Volatilität, kehrt IMMER zum langfristigen Durchschnitt zurück. Weil Menschen von Angst, Gier, Liebe, Hass und unzähligen anderen Emotionen getrieben durchs Leben schreiten und (fast) niemand in der Lage ist immer nur eine Emotionsebene zu (über)leben, werden wir uns langfristig einem gesellschaftlichen Mittelwert annähern. Übersetzt in VIX Levels ist dieser irgendwo zwischen 15 und 20 Punkten.

Wie verdient man also Geld in Märkten die „diesmal anders“ sind? Risiken sind IMMER overpriced. Nicht überall, aber unser Handwerkszeug als Option Trader ist groß genug, um die guten Risiken einigermaßen sicher zu identifizieren. Auf diese Ansätze einzugehen würde den Rahmen dieser Kolumne sprengen, aber es gibt sie, sie funktionieren und man kann auch in diesen Marktphasen damit verdienen.

Volatilität nähert sich langfristig IMMER dem Mittel an. Volatilität, nicht Preise! Solange diese zwei Axiome weiter bestehen stellen auch irrationale Märkte kein Hindernis da und sollten irgendwann Äpfel nach oben fallen, Schweine fliegen und Tiger ihre Streifen verlieren, kann ich mich immer noch in meine Bibliothek zurückziehen und Dr. Faust zitieren:

„Da steh ich nun, ich armer Tor!

Und bin so klug als wie zuvor;

Heiße Magister, heiße Doktor gar
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum –
Und sehe, daß wir nichts wissen können!

 Viel Erfolg beim Spekulieren

 T. Wegener

Kommentieren

Kommentare

Noch keine Kommentare auf dieser Seite.

RSS Feed für Kommentare auf dieser Seite | RSS Feed für alle Kommentare

ERHALTEN SIE
MARKTAKTUELLES
INSIDER-WISSEN

Informationen über wichtige Wirtschaftsdaten und deren Auswirkungen, exklusive Lehrvideos und mögliche Trade-Opportunitäten