Griechen denen man nicht trauen sollte, wenn sie Geschenke bringen (Gamma Scalping erklärt)

05.10.2018

Ich fürchte die Griechen, auch wenn sie Geschenke bringen (Vergil 70BC – 19BC) (1117 Wörter)

Von Thorsten Wegener

Wahrscheinlich ist Ihnen Vergil’s berühmt gewordenes Zitat über das Danaergeschenk der listigen Griechen vor Troja, ebenso wie mir, zuerst in einem Asterix Band begegnet und dann erst später im Geschichtsunterricht. Als Investor, der sich überwiegend derivativer Instrumente zu Spekulationszwecken bedient, hat es für mich über die Jahre an Bedeutung gewonnen, ohne seine ursprüngliche Mahnung zu verlieren.

Eine der ersten „Monster Positionen“, die ich als junger Market-Maker für Optionen im Automobilsektor in meinem sonst fast jungfräulichen Handelsbuch (P0091, manche Bezeichnungen vergisst man nie) managen durfte, war ein gigantischer Block von Daimler Calls, die mir ein großer deutscher Publikumsfond andiente. Mein Preis war aggressiv, den originären Hedge organisierte ich mir bei meinen Kollegen im Kassahandel, mein Chef lüpfte anerkennend eine Augenbraue (eine war gut, zwei bedenklich), und ich machte mich mit einem bescheidenen doch wissendem Lächeln auf den Weg in die Kaffee Küche, um mich meiner, damals zweit und drittgrößten, Leidenschaft für Kaffee und Nikotin zu widmen. Natürlich hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch keine Idee, ob ich mit dieser Position über meinen ursprünglich erzielten Kursgewinn hinaus Geld verdienen würde oder nicht, jedoch wusste ich, dass ich zumindest keinem Überraschungsdebakel erliegen würde, weil ich auf einer enormen „Long Gamma“ Position saß.

Gamma häh?, werden Sie als versierter Spekulant, der sich nur rudimentär mit Derivaten beschäftigt, wahrscheinlich nun fragen. Lassen Sie mich erklären:

Gamma, speziell „Long Gamma“ ist eine Handelsstrategie, die Ihnen enorme Gewinne einbringen kann, oder Sie, ungeschickt gehandelt, langsam verbluten lässt. Bevor ich mit einem konkreten Beispiel in die Details des Gamma Handels einsteige, lassen Sie mich versuchen, das Konzept Gamma ohne „Geek Speek“ zu erklären.

Gamma, aus dem griechischen, mathematisch die zweite Ableitung des Optionspreises der Black-Scholes Formel nach dem Preis des zugrundeliegenden Wertes, ist das Finanz mathematische Äquivalent zu einem guten Butler.

Nicht irgendeinen Butler, sondern eher wie Alfred, Bruce Waynes treuer Diener. Alfred ist immer für Sie da. Sollten Schurken die Bat-Höhle umzingelt haben und die Situation wird brenzlig, sorgt er dafür, dass Ihnen die lebensnotwendigen Gadgets in Ihrem „Utility–Belt“ nicht ausgehen und Sie immer die Möglichkeit haben sich im letzten Moment aus der Gefahrenzone heraus zu lavieren. Umgekehrt sorgt er dafür, dass Sie bei Ihren Siegesfeiern in „Wayne Manor“ niemals in die Verlegenheit kommen, das Ihnen der Champagner ausgeht.  Natürlich sind Alfreds Dienste nicht umsonst. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn Sie seine Dienste wirklich benötigen, wird Sie das einen satten Weihnachtsbonus kosten. Möchten sie hingegen nur sicherstellen, dass Alfred verfügbar ist, falls sie ihn brauchen, werden Sie nicht übermäßig finanziell beansprucht. Nichtsdestotrotz kostet auch der potentielle Bereitschaftsdienst ihres verlässlichen Angestellten eine nicht zu vernachlässigende Summe.

Nachdem wir nun das grundlegende Konzept des „Long Gamma“ an Alfred abgearbeitet haben können wir wieder in die Finanzmärkte einsteigen, speziell in Bezug auf oben angeführtes Beispiel der Daimler Position.

Nun hatte ich plötzlich ca. 1 Million Daimler Calls mit einer Restlaufzeit von 3 Monaten in meinem Handelsbuch. Der Strike oder Ausübungspreis entsprach ungefähr dem aktuellen Kurs der Daimler Aktie und um mich gegen Kursausschläge abzusichern war ich dank der vorzüglichen Arbeit unserer Kassahändler rund eine halbe Million Daimler Aktien short. Sollte der Kurs der Daimler Aktie steigen, würde ich auf meiner Call Position Geld verdienen und auf meiner Aktienposition verlieren. Umgekehrt würde ich bei Kurseinbrüchen auf meiner Optionsposition verlieren aber von meinem „Short“ profitieren.  Auftritt Gamma Long.

In dem zuerst beschriebenen Fall, steigender Markt, werde ich auf meiner Optionsposition mehr Geld verdienen als ich auf der short Aktienposition verliere. Warum? Das Gamma produziert mir auf dem Weg nach oben heimlich Aktien aus dem Nirgendwo, wohingegen die anfängliche short Aktienposition genauso groß bleibt wie sie zuvor war, d.h. wenn der Markt steigt, finde ich mich plötzlich im Besitz von mehr Aktien, was wiederum mehr Profit entspricht. War die Bewegung entsprechend meiner Neigung groß genug, adjustiere ich nun, indem ich jetzt Aktien verkaufe und den durch den Kursanstieg erzielten Profit realisiere. Mein Handelsbuch ist wieder neutral. Alfred war so liebenswürdig meine Gäste mit extra Champagner zu versorgen, während sich die Party dem Höhepunkt nähert. Was passiert nun, wenn der Markt dreht und alle Pfeile auf Ihrem Handelsschirm rot anzeigen? Kein Grund zur Sorge. Auch in diesem Fall sorgen die fast magischen Eigenschaften der „Long Gamma“ Position dafür, dass die Party weitergeht. Die Optionsposition verliert in diesem Fall weniger als Sie über Ihren Aktien Short verdienen werden. Die Optionen verhalten sich so, als ob Sie über diese eine kleinere Position haben, als noch vor fünf Minuten, wohingegen Ihre „Short Aktien“-Position unbeeindruckt die Profite generiert, die man als „Shortie“ in einem fallendem Markt gerne sieht. Alfred hat dafür gesorgt, dass den stärksten Trinkern auf Ihrer Party zwischendurch ein Espresso serviert wurde. Nun erfolgt der zweite Streich. Position adjustieren, also neutral stellen und auf die nächste Bewegung warten. Egal, ob rauf oder runter, da unser Gamma wie in den beiden beschriebenen Fällen wieder dafür sorgt, dass ich durch anpassen der „Short Aktien“ Position Profite realisieren kann. Die Optionen handeln wir nicht, schließlich verfügen diese über das Gamma auf das wir so scharf waren, über das die Aktie natürlich nicht verfügt. Alfred stellt in beiden Fällen sicher, dass uns weder der Champagner noch der Espresso ausgeht.

Wo ist das Risiko? Anstelle starker Kursausschläge dümpelt der Markt vor sich hin, die Volatilität ist geringer als Sie erwartet und über den Optionspreis bezahlt haben. Die oben beschriebene Strategie, das „Gamma Scalping“, um nun den Fachbegriff einzuführen, verläuft nicht so, wie Sie es sich erwünscht hätten. Der Zeitwert Ihrer Optionen reduziert sich rücksichtslos und unaufhaltsam. Es kommen deutlich weniger Gäste zu Ihrer Party, als Sie es sich erhofft hatten und Alfred, hoch bezahlt, ist kaum ausgelastet und zu allem Überfluss scheint ein Widerscher den „Bat Cave“ infiltriert zu haben.

Der stetig fallende Zeitwert in unserer Optionsposition zwingt uns eine Entscheidung zu treffen. Aber Dank des „Long Gamma“ ist der Blutverlust überschaubar. Sie werden nicht ohne Verluste aus Ihrer Position aussteigen können, aber Sie haben Armageddon vermieden, und waren in der beneidenswerten Situation nachts ruhiger schlafen zu können. Der „Batcave“ muß verloren gegeben werden, aber Alfred, immer wieder Alfred, hat ihnen einen Fluchtweg ermöglicht.

Zum Zeitpunkt, an dem ich diese Zeilen schreibe, handeln fast alle großen amerikanischen Indizes auf, oder nahe ihres Allzeithochs, während die Volatilität gemessen am VIX unter 12% handelt und gestandene Händler den nächsten großen Crash oder die Mutter aller Rezessionen herbeiphantasieren.  Um bei unserem Comic Book Beispiel zu bleiben, erwartet der Markt also im Moment weder große Partys oder Bedrohungen für Bruce Wayne’s „Alter Ego“, hat aber die Einladungen zur nächsten Extravaganzza bereits verschickt und die „Bat Höhle“ nicht abgeschlossen. Alfreds Dienste sind so billig wie nie. 

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